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RUSSLAND

Katharina 2004-2005

Mareike 2004/2005

Seit fast sechs Monaten bin ich mittlerweile hier in Russland und seit zwei Monaten wohne ich im Zentrum von St. Petersburg fünfzehn Minuten zu Fuß vom Newskij Prospekt entfernt. Vorher habe ich in Vyborg gewohnt, einer Kleinstadt 150 km nördlich von St. Petersburg. Mein Erfahrungsbericht bezieht sich sowohl auf den Eindruck, den Russland  als Ganzes auf mich macht, als auch auf mein eigenes Leben hier.

Im Allgemeinen bin ich sehr zufrieden mit meinem Entschluss, ein Jahr in Russland zu verbringen. Ich habe mich für Russland entschieden, weil ich etwas Außergewöhnliches erleben wollte und ein bisschen "Risiko" dabei haben wollte. Außerdem wollte ich mir über Russland meine eigene Meinung bilden können, das ja immer noch häufig als rückständiges Land angesehen wird. Allen Leuten, die denken, Russland sei dunkel und gefährlich, möchte ich an dieser Stelle widersprechen. Der Lebensstandard hier in der Großstadt ist der gleiche, den man auch in Hamburg, Paris oder London finden kann. Vieles sieht zwar nicht sehr vertrauenserweckend aus, aber wenn man seine Pingeligkeit ein wenig ablegt - was sowieso der erste Schritt sein sollte, wenn man hierher kommt - , erkennt man, dass alles gar nicht so schlimm und schlecht ist und das Misstrauen verschwindet bis auf eine kleine Spur von Skepsis.

Man darf nicht vergessen, dass Russland erst vor 14 Jahren eine politische Revolution durchlebt hat und die meisten Menschen den größten Teil ihres Lebens in der Sowjetunion gelebt haben. Das merkt man in vielen dingen des Alltags und der Mentalität. Zum Beispiel im Umgang mit Geld oder Lebensmitteln. Während in Deutschland eine Tomate mit einer faulen Stelle sofort weggeworfen wird, wird in Russland die faule Stelle herausgeschnitten. Der erste Eindruck, den ich von Russland gewonnen habe, war, dass Russland ziemlich dreckig ist. Man sieht so gut wie nie ein gewaschenes Auto und im Winter ist es noch schlimmer durch den Schneematsch auf den Strassen. Auch die Häuser sehen etwas heruntergekommen aus im Vergleich zu deutschen Mehrfamilien- oder Hochhäusern (Einfamilienhäuser gibt es nur ganz selten und wenn, befinden sie sich außerhalb der Stadt). Während ein deutsches Wohnhaus saubere Fliesen und weiße Wände hat, sind die Treppen eines russischen meist ausgetreten, die Wände beschmiert und der Fahrstuhl quietscht. Vielleicht liegt es daran, dass viele Hauseingänge keine automatische Türverriegelung haben und einige Leute sie als Toilette oder Raucherecke benutzen. Doch auch Treppenhäuser mit verschließbaren Türen sehen so aus. Die Bewohner scheint es jedoch nicht weiter zu stören, was ich nicht so recht verstehe, denn eigentlich will man den Platz, wo man wohnt, doch so schön wie möglich haben. Vielleicht spiegelt das ein wenig die Mentalität der Menschen wieder: "meine Welt ist das Einzige, was mich interessiert und das Leben von fremden ist mir egal. Und wieso sollte ich mich darum kümmern? Ich mache einfach meine Wohnungstür zu und lasse alles Fremde dahinter."

Die Wohnungen sind - verglichen mit den Treppenhäusern, Strassen, usw. - fast immer sehr gemütlich eingerichtet und man sieht in jeder Wohnung den Versuch, sie so schön wie möglich zu gestalten, was leider manchmal an der Farbkombination oder der Enge scheitert. Häufig kann man einen Hang zum Kitsch feststellen, denn in Russland ist alles, was glitzert und glänzt, äußerst beliebt (auch beim Schmuck). Was einem in den meisten Wohnungen sofort auffällt, ist die Atmosphäre der Gemütlichkeit und Familiarität. Das hat es mir sowohl in meiner ersten als auch in meiner zweiten Gastfamilie leichter gemacht, mich einzuleben.

Die Familie spielt in Russland überhaupt eine große Rolle. Es ist schwer zu beschreiben, was den Unterschied zwischen einer russischen und einer deutschen Familie ausmacht. In einer russischen Familie hat man ein stärkeres Gefühl der Verbundenheit und Nähe unter den Mitgliedern, auch wenn sie sich gegenseitig vielleicht nicht mehr lieben als eine deutsche Familie. Meine beiden Gastschwestern zum Beispiel sitzen lieber zu Hause mit ihrer Mutter vor dem Fernseher, als dass sie sich mit Freunden treffen. Und abends, wenn der Vater nach Hause kommt, kommen alle an die Tür und begrüßen ihn. Ich habe meine leiblichen Eltern genauso lieb, aber ich sitze trotzdem nicht gern tagein tagaus den ganzen Nachmittag über mit meiner Mutter vor dem Fernseher, abgesehen davon, dass wir beide gar keine Zeit dazu hätten. Fern gesehen wird übrigens sehr viel in Russland.

Neben der Familie hat auch Freundschaft einen höheren Stellenwert. In Deutschland sagt man sehr schnell über jemanden "das ist mein Freund", wenn man ihn vielleicht nur eine Woche lang kennt und ich glaube, die meisten deutschen Freundschaften sind auch nicht so eng wie die meisten russischen Freundschaften. In der Freundschaft spiegelt sich nämlich die gleiche Skepsis Fremden gegenüber umgekehrt in der Freundschaft wieder. Es ist zwar schwieriger, in der Anfangszeit Freunde zu finden - zumindest war es für mich scher - als es in Deutschland wäre, wo jeder sofort auf einen Austauschschüler zugehen, mit ihm reden und nachmittags etwas unternehmen würde. Aber dafür kann man sich hundertprozentig auf seine Freunde verlassen, wenn man welche gefunden hat, während in Deutschland solche Freundschaften häufig genau so schnell wieder abbrechen, wie sie angefangen haben. Meine Freunde habe ich - abgesehen von den AFS-Austauschschülern - alle in Vyborg gefunden und ich weiß ganz genau, dass sie auch nach dem Jahr genauso gute Freunde für mich bleiben werden wie jetzt. Das macht es mir viel leichter, darüber hinwegzusehen, dass ich in St. Petersburg außer einer Amerikanerin (Hillary) keine Freunde habe.

Was ich außerdem noch in Bezug auf zwischenmenschliches Verhalten erlebt habe, ist die russische Gastfreundschaft und die Freude darüber, Gäste zu haben. Als Gast wird einem mit einer fast bedienenden Höflichkeit begegnet, zumindest, wenn man fremd ist. An meinem ersten Abend in meiner zweiten Familie zum Beispiel haben wir zusammen Tee getrunken und meine Gastmutter hat mir so viel angeboten, dass es mir schon fast peinlich war und ich am liebsten gesagt hätte, so etwas besonderes sei ich doch gar nicht. Doch auch als Gast verhält man sich hier ein wenig anders, als ich es aus Deutschland kenne. Wenn man in einem fremden Haus bei fremden Leuten zu Besuch ist, wartet man üblicherweise, bis man mehrmals dazu aufgefordert wurde, zuzugreifen. Der Gastgeber ist zwar keineswegs beleidigt, wenn man sich nach dem ersten Mal schon nimmt. aber es ist üblicher ein wenig zu warten und anfangs nur wenig zu nehmen, um dem anderen zu zeigen, dass man das, was einem angeboten wird, wertschätzt und nicht einfach als billige Mahlzeit ansieht, die man einfach so herunter schlingt.

Gegessen wird in Russland sehr viel und sehr reichhaltig. Zum Frühstück gibt es Kascha (Kascha ist der Sammelbegriff für alle Arten von Brei - Haferbrei, Grießbrei, Milchreis...) oder Brot mit Käse, Wurst, usw. (belegte Brote heißen auf Russisch "Buterbrody"). Das Mittagessen besteht aus Suppe und Hauptgericht, nachmittags wird Tee getrunken und dazu gibt es Kuchen, Kekse und Bonbons, abends wird zumindest in meiner Familie noch einmal gekocht und nach dem Abendbrot trinken wir nocheinmal Tee mit Süßigkeiten. Häufig wird am Anfang der Woche für die ganze Woche gekocht und jeden Tag wird ein Teil davon aufgewärmt. Salate werden nicht wie in Deutschland mit Essig und Öl, sondern entweder nur mit Öl oder mit Mayonnaise gemacht und allgemein wird zum Kochen sehr viel Fett verwendet. Zum Beispiel gibt man hier über Nudeln, Reis oder Kartoffeln Butter, was ich zu Hause nie machen würde. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass es im Winter so kalt ist und der Körper deshalb mehr Energie braucht. Den harten Winter habe ich hier allerdings noch nicht erlebt. Das Kälteste waren -16 Grad und das auch nur drei Tage lang (obwohl das sehr kalt klingt hat es sich nicht so kalt angefühlt, wie ich vorher dachte). 

Nachdem ich ein wenig über Russland allgemein berichtet habe, fange ich jetzt an, meine eigene Situation und mein Leben hier zu beschreiben. Zuerst habe ich bei einer Familie in Vyborg gewohnt. Eigentlich sollte ich diese Familie nach vier Wochen schon wieder verlassen und nach St. Petersburg umziehen, weil mein Stipendium nur für St. Petersburg und nicht für eine Stadt 150 km davon entfernt gilt. Allerdings hat sich der Familienwechsel aufgrund einiger Schwierigkeiten bei AFS Russland etwas verzögert. Ich hatte eine Gastmutter, eine vierzehnjährige Gastschwester (Nastja) und einen sechsjährigen Gastbruder (Danja). Die Eltern waren geschieden, deshalb hatte ich keinen Gastvater..

Am Anfang war ich sehr froh über diese Familie, denn ich hatte mir einen kleinen Gastbruder gewünscht und sie waren eigentlich auch sehr nett. Mit der Zeit ging es mir aber immer schlechter dort, denn es hat sich ziemlich schnell das Gefühl eingestellt "ist das alles, was aus meinem Auslandsjahr geworden ist?". Vielleicht lag es daran, dass ich mein bisheriges Leben nur in der Großstadt verbracht habe und mir in der Kleinstadt ziemlich schnell langweilig geworden ist. Außerdem gingen mir meine beiden Gastgeschwister nach einiger Zeit sehr auf die Nerven, da sie beide sehr laute Kinder waren und andauernd schreiend durch die ganze Wohnung gerannt sind. Dass meine Gastmutter sich wie eine erwachsene Jugendliche benommen hat, hat meine Situation auch nicht gerade glücklicher gemacht. Es war zudem eine große Enttäuschung für mich, in die 10. Klasse zu kommen, wo die Schüler zwei Jahre jünger waren als ich. Dort hatte ich außer meiner jetzigen Freundin in Russland, die ich allerdings auch erst am Ende meiner Zeit in Vyborg durch Zufall gefunden habe, keine Freunde. Sie waren zwar nett zu mir, aber wenn ich mit ihnen geredet habe, hat sich der Altersunterschied deutlich bemerkbar gemacht.

Meine Zeit habe ich meistens mit einer Italienerin und einer Thailänderin oder allein zu Hause verbracht. Dass ich so viel allein war, hat mein Heimweh, das ohnehin schon sehr groß war, noch gesteigert. Im Oktober war es am härtesten für mich, weil ich immer noch am Anfang des Jahres war und am liebsten schon am Ende gewesen wäre. In dieser Zeit ist meine Langeweile und meine schlechte Laune immer größer geworden und ich war von allem ziemlich enttäuscht und frustriert. Anfang November wurde es besser, denn in dieser Zeit habe ich Freunde gefunden, sodass ich nicht mehr ganze Nachmittage in der Wohnung gesessen habe. Ab November habe ich auch gemerkt, dass ich mich schon ziemlich gut auf Russisch verständigen konnte. Ich konnte mich zwar noch nicht richtig unterhalten, aber ich konnte sagen, was ich will oder was mich stört und das hat meine Gesamtlaune erheblich gebessert. Außerdem habe ich mich schon sehr auf St. Petersburg gefreut, da AFS gesagt hatte, ich werde sehr bald nach St. Petersburg umziehen.

Als es dann endlich soweit war, war ich weitaus aufgeregter als ich vor der Begegnung mit meiner ersten Familie war und auf der Autofahrt vom Bahnhof bis zur Wohnung meiner neuen Familie hab ich noch einmal einen kleinen Kulturschock gehabt, denn der Gedanke daran, dass ich endlich aus der Kleinstadt raus war, hat mich ganz benommen gemacht. In dieser Familie habe ich zwei Gastschwestern - Jenja (18) und Xenia (21) - eine Gastmutter (Marina), einen Gastvater (Genadij) und einen Hund, eine Katze und einen Fisch, die von der gesamten Familie sehr geliebt werden (ab und zu spricht meine Gastmutter sogar mit dem Fisch). Hund und Katze dürfen auf den Kopfkissen schlafen, der Hund geht dreimal täglich für 45 Minuten Gassi und er ist mittlerweile so verwöhnt, dass er nur noch Würstchen, Reis und Kekse aus der Hand frisst und nicht aufhört zu kläffen, wenn sein Wille nicht sofort erfüllt wird. Das ist sehr anstrengend, denn es ist ein Pekinese und sein Gebell ist entsprechend durchdringend.

Die Wohnung meiner Familie ist sehr groß (fünf Zimmer; solche Wohnungen wie diese sind allerdings eher unüblich und es gibt eher Dreizimmer- als Fünfzimmerwohnungen). Mein Zimmer teile ich mit Janja. Xenia hat ihr eigenes, indem normalerweise noch ihr Ehemann mit wohnt, der zurzeit aber nicht zu Hause ist, weil er für fünf Monate im Ausland arbeitet.. Xenia selbst hat vor einem Jahr eine eigene Touristenagentur gegründet und besucht gerade im letzten Jahr die Wirtschaftsuniversität von St. Petersburg. Auch Jenja studiert an dieser Universität, allerdings erst im ersten Jahr. Mein Gastvater hat ebenfalls eine eigene Firma. Er vermietet Saunen und "Bani" (eine Banja ist eine russische Dampfsauna). Meine Mutter ist Hausfrau.

Mir gefällt es im Grossen und Ganzen sehr in dieser Familie. Aber von Zeit zu Zeit bin ich etwas genervt von ihrer Lebensart. Jenja beispielsweise verbringt den ganzen Nachmittag mit ihrer Mutter vor dem Fernseher und dies wird ihr auch nicht langweilig in drei Wochen Ferien (und in den Ferien macht Xenia genau das Gleiche). Sie geht nie raus und trifft sich auch am Wochenende nicht mit Freunden. Ich weiß nicht, warum mich das so nervt, denn eigentlich kann es mir ja egal sein, wenn sie ihr Leben lieber so als mit interessanteren Sachen verbringen. Vielleicht liegt es daran, dass die Sendungen, die sie gucken, so einfältig und dumm sind und dass ich es bald nicht mehr ertrage, den ganzen Nachmittag lang die Stimmen irgendwelcher Kartoonfiguren durch die ganze Wohnung schallen zu hören (denn die Lautstärke ist so laut, dass man es auch bei geschlossener Tür deutlich hört). Deshalb verbringe ich meine Freizeit meistens mit Hillary, der Amerikanerin, und ihren Freunden, denn wie ich schon gesagt habe, habe ich außer ihr keine Freunde in St. Petersburg. Ich gehe hier zwar in die 11. Klasse, aber auch dort sind die Schüler noch ziemlich kindlich und unerwachsen im Kopf, sodass sie für mich nicht mehr als nur nette Klassenkameraden sind.

Meine Schule ist sehr streng und oft kommt sie mir eher wie ein Gefängnis vor. Wir müssen eine Art Schuluniform tragen (d. h. keine Jeans, keine Sportschuhe und keine bunten Pullover und die Jungen am besten im Anzug), die Direktorin ist eine sehr herrische und reizbare Frau und wenn jemand die Regel mit der Schuluniform nicht einhält, macht sie ihn fertig, indem sie Sachen sagt wie: "Guckst du denn nie in den Spiegel, sieht du nicht, dass du hässlich bist? Geh mir aus den Augen, ich kann dein hässliches Gesicht nicht länger ertragen!" Am Schuleingang sind Kameras angebracht, damit man kontrollieren kann, wer die Schule frühzeitig verlässt und alles in allem ist das Verhalten der Lehrer mehr willkürlich als demokratisch. Was ich noch zur Schule in Russland allgemein sagen kann ist, dass man normalerweise aufsteht, wenn der Lehrer die Klasse betritt, und sich erst wieder setzt, wenn er sagt, man solle sich setzen. 

Wenn ich meine Zeit in St. Petersburg betrachte, habe ich das Gefühl, dass sie viel länger war als die Zeit in Vyborg, obwohl ich erst seit zwei Monaten hier bin. Ich bin hier viel aktiver als in Vyborg, weil diese Stadt viel aufregender, reizvoller und interessanter ist und es viel mehr zu tun gibt als in Vyborg, wo man in 30 Minuten zu Fuß vom einen Stadtrand bis zum anderen gehen konnte. Und ich habe Weihnachten hier erlebt mit allem Heimweh, das es mit sich gebracht hat, und Neujahr, das in Russland ungefähr die Bedeutung von Weihnachten hat. Neujahr habe ich mit meiner Familie in ihrem Ferienhaus auf dem Land gefeiert (solche Häuser heißen Datscha und sind hier sehr verbreitet). Überhaupt hatte ich den ganzen Dezember und Anfang Januar schreckliches Heimweh, denn Weihnachten und Neujahr habe ich so anders erlebt und so verschieden von dem, was ich von zu Hause kenne, dass ich es schon fast als "Traditionsbruch" empfunden habe. Weihnachten hat AFS St. Petersburg ein Camp für uns Austauschschüler veranstaltet, sodass wir Weihnachten nicht als gewöhnlichen Alltag erleben mussten (denn in Russland ist Weihnachten kein Feiertag, noch nicht einmal das orthodoxe am 6. Januar). Sie haben sich zwar Mühe gegeben, aber für mich war außer dem Treffen mit den anderen Austauschschülern und dem vielen Schnee nichts schönes dabei. Ich wollte einfach nur nach Hause.

Ähnlich ging es mir an Neujahr, wenn auch nicht so schlecht wie an Weihnachten. Meine Familie hat den ganzen Silvesterabend vor dem Fernseher verbracht, um 24 Uhr haben wir uns die Rede von Putin angesehen und dann angestoßen. Dann wurde gegessen, die Geschenke ausgepackt und danach sind alle schlafen gegangen. So schlimm das Gefühl des Heimwehs auch ist, es hat auch gute Seiten. Ich habe, seitdem ich hier bin, ein viel besseres Verhältnis mit meiner deutschen Familie und das nur deswegen, weil ich sie so vermisse und sie mich so vermissen. Bevor ich nach Russland gefahren bin, hatten wir jeden Tag Streit und ich war sehr ungern zu Hause. Jetzt freue ich mich schon so sehr auf zu Hause, wie ich vor meiner Abreise nie für möglich gehalten hätte.

Eine weitere Veränderung an mir ist, dass ich viel patriotischer geworden bin in dieser Zeit. Ich habe festgestellt, dass man sich auf keinen Fall dafür schämen muss, zu sagen "ich liebe Deutschland, weil es meine Heimat ist" und es ist nichts Peinliches dabei, sich eine Deutschlandflagge aufzuhängen usw. Es ist eher peinlich sich für den Ort, an dem man geboren und aufgewachsen ist und der einem vertraut ist, zu schämen, oder zu sagen, jemand, der Deutschland liebt, sei rechts. So etwas zeigt eher Unkenntnis, denn Deutschland ist eines der Länder, in denen die Demokratie am besten umgesetzt wird und man sollte darauf stolz sein, wie gut Deutschland aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und wie intensiv diese aufgearbeitet wird (als Beispiel: in Russland ist es nicht unüblich oder peinlich, Judenwitze zu machen oder Worte wie "Neger" zu benutzen).

Die Deutschen haben außerdem gar keinen Grund, sich permanent über die Politik aufzuregen, denn die Systeme funktionieren, mit einigen Ausnahmen, in Deutschland sehr gut, wenn man es mit anderen Ländern vergleicht. Außer meiner Meinungsveränderung über Deutschland ist mir auch aufgefallen, dass ich mir meine Meinung viel sicherer geworden bin und dass ich sie viel unabhängiger von dem Denken anderer Leute gemacht habe. Während es mir vor einem halben Jahr keineswegs egal war, was die Leute von mir denken, mache ich mir jetzt gar keine Gedanken mehr darüber und ich habe auch keine Angst mehr, klar zu sagen, was ich will und was ich nicht will. Allerdings bin ich aber auch geduldiger mit anderen geworden. Ich finde es ganz schön erstaunlich, dass ich mich so verändert habe und ich hätte nie gedacht, dass dieses halbe Jahr so stark auf mich einwirken würde, dass ich mich so verändere. Ich bereue es auf keinen Fall, dass ich hierher gekommen bin und danke der ZEIT-Stiftung herzlich für das Stipendium, das mir dieses Jahr ermöglicht hat.

Mit freundlichen Grüssen,
Mareike